Autorin Kerwien: KB-Kurzweiliges 21~12

»Sie werden die richtige Entscheidung für Ihren Hund treffen«, sagte der nette neue Tierarzt zu mir. Lotti starrte ihn von unten her mit ihren großen runden tiefbraunen Augen an, als verstünde sie jedes Wort. Sie war über 20 Jahre alt Für manche Dinge ist es trotzdem immer zu früh.

Ich war mit Lotti aufgewachsen. Als wir sie vom Züchter holten, kam sie zu mir und hielt ihre winzige Nase an meinen Handrücken. Sie schnüffelte und machte dabei ein Gesicht, als müsse sie sich etwas für immer einprägen. Dann kletterte sie auf meinen Schoß, und die Sache war klar.

Nun sah und hörte Lotti immer schlechter. Nachts tapste sie durchs Haus. Ich fand ich sie weinend vor einer Wand stehen. Sie wusste nicht mehr, wo sie war. Es war das Haus unserer Familie, sie hatte nie woanders gelebt. Ich nahm sie hoch und trug sie ins Bett. Sie stupste mich an, ich hob die Decke hoch. Sie rollte sich in meiner Kniekehle zusammen.

Wir hatten immer Hunde gehabt. »Ein guter Hund stirbt nie«, hatte mein Opa gesagt. Als Jäger musste er es wissen. Erst später merkte ich, dass es die erste Zeile eines Gedichtes von Mary Carolyn Davies war:

Ein guter Hund stirbt nie –
er bleibt immer gegenwärtig.
Er wandert neben dir an kühlen Herbsttagen,
wenn der Frost über die Felder streift
und der Winter näher kommt,
sein Kopf liegt zärtlich in deiner Hand
wie in alten Zeiten.

( https://www.oregonencyclopedia.org/articles/davies_mary_carolyn_ca_1890_/#.YZ9nvlAxlEY)

Lotti nahm mir die Entscheidung ab. Sie ging in der Nacht auf den ersten Weihnachtsfeiertag, ganz leise. Als das Morgenlicht auf das Bett fiel, lag nur noch ihre Hülle auf dem Kopfkissen neben mir. Am Abend hatte sie noch gefressen, zur Feier des Tages hatte es Pansen gegeben.

Der Boden war noch nicht gefroren. Ich begrub sie im Garten unter der Linde, wo sie immer so gerne gebuddelt hatte.
Als ich zurück kam, war es, als hielte das Haus den Atem an. Ich ging in die Werkstatt und begann, aus einem Stück Lindenholz einen Hund zu schnitzen.

Es begann noch am selben Tag. Ich kam aus der Werkstatt zurück in die Küche und fühlte ich mich auf einmal nicht mehr allein. Der Rest vom Pansen war aus Lottis Fressnapf verschwunden. Als ich mich mit dem Abendbrot auf die Couch setzte, spürte ich einen kleinen warmen Körper neben mir. Auch das Kopfkissen blieb warm, so oft ich die Hand ausstreckte. Ich spürte, wie Lottis Schnauze mich anstupste. Selbst der Waschbär, der unter der Terrasse überwinterte, sah mit Respekt zu dem Fenster hin, hinter dem Lotti so gerne gelegen hatte.

»Lotti kommt!«, rief ich der Wildschweinrotte zu, die wir im Wald trafen. Die Schweine verdrehten die Augen und galoppierten davon. Ich spürte Lottis Stupsen an der Wade.

Der Weihnachtsmarkt im Dorf lockte bis zum Drei-Königs-Tag mit Lichterglanz und Leckereien. Mir war nicht festlich zumute, aber ich wollte ein bisschen unter Leute. Als ich aus meinem Wagen stieg, hielt neben mir der Tierarzt.

»Mit Ihrem Hund, das tut mir sehr leid«, sagte er.

Deutlich spürte ich Lottis Stupsen. »Ich habe etwas für Sie«, sagte ich und reichte ihm die Figur aus Lindenholz. »Frohe Weihnachten!«

»Das ist ja Lotti!« Seine Augen strahlen.Es stupste noch mal. »Kann ich Sie auf einen Glühwein einladen?«, sagte ich.

»Sehr gerne«, lächelte der Tierarzt. Dann sah er verwundert auf seine Wade. »Also, ich könnte schwören … «

»Komm Sie.« Ich ärmelte ihn unter. »Trinken wir auf Lotti.«

– ENDE –

Ich wünsche Ihnen ein entspanntes Lesen ~ Ihre Bettina Kerwien

Foto ((C) Bettina Kerwien).

Bettina Kerwien – www.bettinakerwien.de
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