Zehn-Sieben-Sieben-Vier

Zehn-Sieben-Sieben-Vier
Manchmal ertönt die Ladentürklingel von Mimis Vollreinigung an einem frühen, kalten Maimontag, und eine von diesen Frauen steht in der Tür, mit Haaren, Haltung und Herz einer blankpolierten Messingtrompete.

»Mein Mann hat bei Ihnen immer seine Polizeiuniform reinigen lassen«, schmettert das Exemplar, das sich heute vorm Tresen aufbaut. »Jetzt, wo wir verheiratet sind, pflege ich seine Wäsche. Machen Sie mir bitte die Jahresabrechnung vom letzten Jahr für die Steuererklärung fertig?«

Mimi folgt dem Blick der Frau hinüber zu den Brautkleidern im Schaufenster. Über die Jahre wurden sie abgegeben, aber nie wieder abgeholt. Mimi benutzt sie zum Dekorieren. Jetzt kurz vor Pfingsten sehen sie aus wie ein Geschwader kopfloser Engel.

»Sagen Sie mir die Dienstnummer Ihres Mannes?« Mimi greift nach einem Stift.

»10-774.«

Für diese Nummer braucht sie keinen Stift. Viele ihrer Kunden sind Typen in staubblauen Hemden, die mit Vierzig noch den Verkehr regeln. Sie nehmen den Zahnstocher nicht aus dem Mund, wenn ihre manikürten Hände mit dem schwarzen, lockigen Haar auf dem Handrücken die verschwitzten Uniformen über den Tresen schieben. Sie kommen zwei-, dreimal, dann betatschen sie einen, ziehen fort, oder streiten über die Nachkasse.

10-774 ist schon lange Mimis Kunde. Unglaublich jung ist er gewesen, als er zum ersten Mal vor ihr stand. Er sah aus, als könne er Geige spielen, und seine Augen hatten so eine schöne Farbe. Wie die von Hunden.
»Sie sehen überhaupt nicht aus wie ein Polizist«, hatte Mimi gesagt.

»Wie sehe ich denn aus?«, hatte der junge Mann gefragt.

»Weiß nicht. Wie ein Tänzer vielleicht?«

»Ich liebe meinen Beruf.«

»Und liebt er Sie zurück?«

»Nicht oft genug.«

Im Laufe der Jahre war ein zweiter Stern auf seiner Schulterklappe erschienen. Oft kam 10-774 in die Reinigung gestürzt, kurz bevor Mimi abschloss. Wortlos hatte er ihr die Kaffee- oder Blutspritzer auf seinen Hemden gezeigt.

Jetzt mustert seine messingblonde Frau Mimi so kalt wie der späte Frost, der über ein nasses Laken auf einer Wäscheleine in einem Hinterhof fällt. »Hier kommen wohl viele Alleinstehende her?“

Am Aufschlag ihrer Bluse prangt eine Bügelfalte.

Mimi nimmt die Abrechnung aus dem Drucker. »Wenn Sie mal was brauchen, wir sind immer für Sie da.«

Die Tür schließt sich hinter der Polizistenfrau. Die vergessenen Brautkleider im Schaufenster seufzen so leise, wie nur Engel es können.

Schrifstellerin Bettina Kerwien – www.bettinakerwien.de
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Foto: Schrifstellerin Bettina Kerwien


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