Autorin Kerwien: KB-Kurzweiliges 07~21

Sternenmädchen

Das Foto, das an der Mail hängt, zeigt einen polierten schwarzen Opal, Lightning Ridge Qualität, brillianter, tiefschwarzer Körper, darauf eine opalisierende Schicht aus grünblauem Feuer.

»Interessiert?«, fragt die tiefe, raue Stimme.

»16 Karat?«, schätze ich.

Der Mann am Telefon lacht. »Sie wollen ihn haben, stimmt‘s?«

Das Muster des Opals ist selten. Die Digger nennen es Asteria, »Sternenmädchen«.

»Speedos Café«, sage ich. »Kennen Sie das?«

»Grundgütiger.« Seine raue Stimme passt nicht zu seinem breiten australischen Akzent. »Speedos? Ist das nicht die Touristenfalle am Bondi Beach?«

Ich zucke mit den Schultern, obwohl er es nicht sehen kann. »Ich war früher mal ein Surfergirl«, sage ich.

»Schön. Wenn’s sein muss.« Er seufzt.

„Es ist Winter.“ Ich schaue aus dem Fenster, wo sich eine graurosa Sonne gerade über den Horizont quält. „Im Winter ist Bondi nicht so überlaufen.“

»Hoffen wir das Beste“, sagt er. „Also dann. In einer Stunde. Ich bin der Typ mit dem Bush-Ranger-Shirt und den austrainierten Waden.«

»Bestellen Sie die Pancakes«, sage ich und lege auf.

Ich sehe auf die Uhr. Noch alle Zeit der Welt. Ich ziehe meine Hotpants über, richte ohne viel Hoffnung meine Dreadlocks. Dann steige ich in den Wagen und fahre nach Bondi. Ich parke am Mackenzie Point. Als ich die Tür öffne, höre ich das sanfte Rollen des Südpazifik. Es riecht nach Salz, Seetang und Wintersonne auf nackter Haut. Die hellen Schreie der Möwen übertönen die Brandung. Ich nehme den steilen Küstenpfad nach Norden, Richtung Bronte. Er windet sich durch gelbe Felsklippen. Hellblau wiegen sich die Blüten des wilden Rosmarin im Seewind. Zwischen Spinifexgras und Fuchsia-Heide lauern die schwarzen Hirtenstare. Sie stellen ihren gelben Kamm auf und betteln mit glucksenden Lauten die vereinzelten frühmorgendlichen Surfer an, die in ihren Neoprene-Anzügen zwischen den türkisen vulkanische Gezeitentümpel herumhängen und auf‘s dunstige Meer hinaus schauen.

Bondi ist eigentlich kein guter Strand für ernsthafte Surfer. Die Wellen sind flach und brechen zu schnell. Mehrmals in der Woche stellen die Lifeguards die gelben „Shark Sighting“-Warnschilder auf. Zwar hat man 500 m vor dem Strand ein Hainetz gespannt, aber wenn sie wirklich Lust auf Menschenfleisch haben, schwimmen Tigerhai, Bullenhai und Weißer Hai einfach darunter hindurch.

Speedos Café liegt direkt an der Strandstraße. Ich komme auch im Winter gerne her, um Leute zu beobachten. Das helle Ambiente verbreitet ein sommerliches, unangestrengtes Lebensgefühl.

Ich sehe den Typen sofort. Er ist ein Bushie. Also ein Weißer, der im Busch lebt. Soeiner sticht heraus, denn in Bondi sehen ansonsten alle Menschen gut aus. Der hier trägt ein durchgeschwitztes Halstuch und einen Aussie Chiller, einen verbeulten Fedorahut aus Fensterleder. Mein Bushie sitzt am Fenster hinter einem riesen Stapel Pancakes und sieht unangemessen glücklich aus. Seine Waden sind aber wirklich ganz okay.

»Hi«, sage ich und setze mich zu ihm.

»Ich wollte eine Cola bestellen«, sagt er und lächelt gequält. »Aber die haben hier nur selbstgemachte Limonade.«

Ich winke die Bedienung heran und bestelle Cronuts mit Himbeeren und essbaren Blüten, dazu einen flat white. Das ist Australisch für einen doppelten Espresso mit feinporigem Milchschaum.

»Cronuts, nie gehört, aber auch nicht schlecht«, strahlt der Bushie, als mein Essen kommt. »Also. Was sagen Sie zu dem Opal?«

Ich schaue über den weißgoldenen Sandhalbmond des Strandes vor uns und nehme einen Schluck Kaffee. Ich horche in mich hinein. Als Surferin weiß man ja: Wenn ich diese Welle nicht erwische, nehme ich halt die nächste.

– ENDE –
Schrifstellerin Bettina Kerwien – www.bettinakerwien.de
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Foto: Schrifstellerin Bettina Kerwien
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