Über Land

Ich fahre ihn selbst ins Krankenhaus. Nur zum Durchchecken. Dann stirbt er, während ich zuhause die Küchenschränke auswische. Es ist Dezember, zwei Tage vor Weihnachten.
Für eine Zeit sitze ich nur auf seinem Stuhl vor der Veranda.
Der Eisregen tickt auf Laub und Zweige.
Ich lausche dem Knistern, mit dem sich die Blüten des Winterjasmins entfalten.
Im Haus knarzen die Dielen ohne Grund.
Ein paar Wochen lang habe ich viel zu tun. Es gibt immer etwas auszusuchen, zu entscheiden, umzuschreiben.

Aber dann kommt der Februar mit seinen Wochenenden.
Mit den Sonntagen kann ich nichts mehr anfangen.
Ich lese die Zeitung. Ich trinke den Kaffee. Ich mache das Gesicht zurecht. Ich ziehe den Sonntagsstaat an. Ich steige in das Auto. Ich fahre davon, als hätte ich eine Verabredung.
Es ist besser so. Niemand soll eine Kerze anzünden, seufzen und mich auf einen Kaffee hereinbitten. Die Gardinen der Nachbarn winken mir nach.
Das Lenkrad riecht nach Rasierwasser.
Ich fahre über Land. Wenn auf einem Dorfanger ein Altkleider-Container auftaucht, fahre ich rechts ran. Ich überlege, wie es sich hier anfühlt. Manchmal öffne ich den Kofferraum. Die Tüten mit den Flanellhemden duften nach Bergwiesen und Urlaub. Einmal stecke ich eine Tüte in die Einwurfklappe eines Containers. Aber nein. Ich steige in den Wagen. Ich nehme wieder alles mit. Nächsten Sonntag, vielleicht.
Vor einem Bauerngehöft muss ich an einer Baustellenampel halten. Ein Schild fällt mir auf.
„Dackelwelpen“, steht da.
Ich fahre auf die Einfahrt und steige aus. Als ich klingle, bellen Hunde. Ein Riegel quietscht, ein Alter öffnet das Hoftor. Sein Karohemd hat einen Dreiangel, darunter dreut Feinrippgrau.
„Kommen Sie wegen des Hundes?“, fragt er.
„Ich wollte nur mal schauen“, sage ich.
Der Alte geht vor mir her zu seiner Bauernkate. „Es ist nur noch einer da“, sagt er über die Schulter.
In der Veranda des Hauses brennt eine Stehlampe. Ein Dackelwelpe zerkaut einen Arbeitshandschuh. Das Fell ist dem Hundchen zu groß. Das Tier lässt den Handschuh fallen und nimmt auf seinen Hinterschenkeln Platz. Skepsis liegt in seinem Blick.
„Der wird nichts Dolles“, sagt der Bauer. „Sehen Sie den Unterbiss?“
Ich gehe in die Knie. Der Hund klettert auf meine ausgestreckte Hand und schnuppert.
„Warum wurde er nicht abgeholt?“, frage ich.
„Die Frau hat vorhin angerufen und abgesagt. Sie wollte den Hund für ihren Mann zur Silberhochzeit.“ Der Bauer kratzt sich am Kopf. „Und dann ist heute ihr Jubiläum, und sie sitzen am Frühstückstisch, und sie sagt zu ihm: Ich habe eine Überraschung für dich, und er sagt: Ja, ich habe auch eine Überraschung für dich. Sie sagt: Du zuerst. Darauf er: Ich ziehe zu meiner Freundin.“
Der Alte schnäuzt sich in sein Stofftaschentuch.
Der Hund beginnt, voller Konzentration meine Hand abzulecken.
Der Bauer zuckt die Schultern. „Nehmen Sie ihn mit.“
„Ich habe nicht viel Geld dabei“, sage ich.
„Bezahlt ist er schon“, sagte der Mann.
Ich stehe auf. Der Hund presst seinen Babybauch gegen meine Halsbeuge. Wir gehen zurück zum Tor. Zwischen den Pflastersteinen im Hof blüht ein Elfenkrokus.
Als ich draußen das Auto aufschließe, fällt mir etwas ein. „Welche Hemdengrösse haben Sie?“, frage ich. „41/42?“
Der Mann nickt.
Schrifstellerin Bettina Kerwien – www.bettinakerwien.de


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