Autorin Kerwien: KB-Kurzweiliges 21~11

Die Stunde des Hahns
In England lese ich in der Times, dass Takeos weltberühmtes Café nach 38 Jahren schließen wird. »Überrascht Sie das, Hannah?«, fragt er, als ich anrufe. Ich kaufe ein Ticket.Es ist Winter in Tokio. Takeo steht hinter dem Tresen. Er ist noch immer ein eleganter Mann. Seine nachwachsenden Haare sind weiß, ein Heiligenschein aus Daunen.

»Wo sind Sie gewesen?«, fragt er. »Nach Fukushima?«

Durch die Bambusjalousie fällt das Licht auf eine Vase mit Kamelien.

»Ich bin abgehauen, Takeo-san«, sage ich. Meine Augen sind trocken, als wären die Augenhöhlen voller Sand.

Ich schiebe eine Ausgabe des Jazz Magazine über den Tresen. Es ist ein miyage, ein Reise-Mitbringsel aus London.

Takeo nimmt das Magazin und verbeugt sich. Er liebt Jazzmusik. Sie erinnert ihn an seine Studentenzeit, sagt er.

»Sind Sie mir nicht böse?«, frage ich.

»Nach dem Reaktorunfall sind nur die Gaijin ins Ausland geflohen, die nichts oder niemanden zurücklassen mussten«, sagt Takeo.

»Vielleicht«, sage ich.

Vor dem Fenster sprießt Sonnenlicht aus den kahlen Zweigen der Ginkos.

»Wie weit sind Sie mit Ihrem Buch über die traditionelle japanische Zeit-messung?«, fragt Takeo.

»In London kann ich nicht schreiben«, gebe ich zu.

Er lächelt. »Die Shogune unterteilten Tag und Nacht noch in jeweils sechs Doppelstunden, nicht wahr?«

Ich nicke. »Die Stunden waren nach den Tierkreiszeichen benannt. Vor Sonnen-aufgang war die Stunde des Tigers, zu der Reisende aufbrachen und Liebende sich trennten. Die Dämmerung war die Stunde des Hahns.«

»Die Stunde des Hahns ist gekommen«, nickt Takeo. »Das Café schließt.«

»Was ist geschehen?«, frage ich.

»Ich bin krank.« Er zeigt auf seine Haare.

Für meinen letzten Kaffee in seinem Café wählt Takeo eine dunkle Schale, die ich noch nie zuvor gesehen habe, mattschwarz wie ein Go-Spielstein. Die Farbe des schwächeren Spielers.

Takeo röstet Kaffeebohnen in einer Trommel, die er mit einer Kurbel über der
Gasflamme dreht. Ein scharfer Geruch erfüllt den Raum. Die Bohnen prasseln
wie Regen auf dem Blechdach. Takeo wiegt das Kaffeemehl. Er hat die schwarze
Schale vorgewärmt. Mit den Tai-Chi-Bewegungen seiner Handgelenke filtert er den Kaffee Tropfen für Tropfen. Sekunden verschmelzen im Halbdunkel. Die Kaffeeperlen funkeln wie Meditationskugeln an einer Mala-Kette.

»Im alten Edo variierte die Länge der Stunden je nach Jahreszeit«, sage ich. »Bis Kaiser Meiji dann 1873 die europäische Zeitmessung einführte.«

»Die Zeit wurde der Natur entrissen. Nichts ist mehr, wie es sein sollte.« Takeo richtet die Kaffeeschale vor mir aus. »Sie schreiben schon zu lange an Ihrem Buch.«
Der Kaffee ist bitter, mit subtiler Süße.

»Die kanji-Zeichen für Zeit bedeuten wörtlich das, was voranschreitet«, sinniere ich. »Sie finden sich schon auf 3000 Jahre alten Orakelknochen.«

»Manchmal, wenn ich nicht schlafen kann«, sagt Takeo, »denke ich: Zeit existiert eigentlich gar nicht. Die Ewigkeit ist dasselbe wie ein kurzer Moment. Dann bin ich glücklich.«

»Sie sollten mein Buch schreiben«, sage ich.

»Sie sollten mein Café führen«, sagt er. »Ein Café kann man nicht zurücklassen.«

»Wenn Sie nicht mehr da sind, bedient hier der Wind«, zitiere ich ein klassisches Gedicht.

»Shikata ga nai«, lächelt Takeo. Es ist nicht zu ändern.

– ENDE –

Ich wünsche Ihnen ein entspanntes Lesen ~ Ihre Bettina Kerwien
Anbei ein japanisch anmutendes Foto ((C) Bettina Kerwien) von Pflaumen-blüten aus meinem Garten.
Schrifstellerin Bettina Kerwien – www.bettinakerwien.de – Stöbern Sie doch auch mal in meinen spannenden Krimis!


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