Autorin Kerwien: KB-Kurzweiliges 21~10

„Recht und Ordnung“

Es ist einer von diesen Klimasommern, August, seit drei Monaten hat es
nicht geregnet.

Ein Beamter muss trotzdem immer seine ganze Uniform tragen, komplett, auch die Jacke. Die Kollegen machen das nicht. Ich schon. Der Steuerbürger hat die Uniform bezahlt, ich ziehe sie an. Ich bin doch nicht zum Spaß Polizist.

Morgens fahre ich mit dem Bus zum Revier. Wenn man in Berlin in Uniform mit der BVG fährt, ist es kostenlos. Ich warte etwas abseits der Bushaltestelle. Ich bin noch nicht im Dienst. Deshalb will ich mich nicht einmischen.

Trotzdem mag ich es nicht, wie die Blondinen sich hier in Neukölln bewegen.
Wie wenig die anhaben. Die da drüber zum Beispiel. Mit wem telefoniert die immer am frühen Morgen? Platinversifft, und hält ihr Telefon wie eine Stulle.
Und wenn die gähnt und sich so lasziv am Bauch kratzt, dann hat sie so ein Nachbeben in der Fettschürze. Einfach inakzeptabel.

Der Bus kommt nicht. Das gibt mir Gelegenheit, die Bürgerin in Ruhe zu
evaluieren.

Denn natürlich ist das auch eine Bürgerin. Wir als Polizei schützen ja alle
Grundrechte der gesamten Bevölkerung, zum Beispiel auch das Recht auf Verwahrlosung.

Manchmal denke ich allerdings, die Grenze zur Erregung öffentlichen Ärgernisses ist bei der Bekleidung oder vielmehr der Nicht-Bekleidung von
Frau wie dieser weit überschritten. Wie der die Fransen ihrer Hotpants
zwischen der weichen, nach warmer Milch riechenden Cellulite verschwinden.
Wir müssen doch auch an die orthodoxen Juden und die gläubigen Moslems
denken. Die wollen dann vielleicht nicht mehr Bus fahren, die wollen
vielleicht diese Zille-sein-Milljöh-Erotik nicht, und das wäre doch dann
schade, wenn die zu Fuß gehen müssten, nur weil eine einzelne Blondine
sich auslebt.

Als der Bus endlich kommt, steigen viele Menschen ein. Ich fahre jeden Morgen weit, fast die ganze Strecke bis kurz vor die Endhaltestelle. Da wechseln die Fahrgäste oft. Ich sitze immer hinten, auf der letzten Querbank, wo ich alles übersehen kann. Die Blondine sitzt gerne in der zweiten Reihe
hinter der hinteren Tür. Heute setzt sich einer neben sie. So ein Typ aus
aufgepimptem Muskelfleisch, mit Schwangerschaftsnarben unter der Achsel
und Adern prall voller Blut. Von hinten sehe ich, wie der die Nüstern bläht.
Bestimmt inhaliert er den Talg- und Slim-Zigarettengeruch ihres Haares.
Sicher riecht er auch, dass sie nicht jeden Tag ein frisches Höschen anzieht.
Ich jedenfalls rieche das bis hier nach hinten.
Dann steht er auf und beugt sich über die Blondine und kippt das Busfenster an. Das sind die richtigen Berliner, die die Busfenster ankippen. Die wissen, wie die Stadt läuft und haben Döner-Stockflecken auf ihrer gepiercten Zunge.

Der Bus schaukelt weiter. Er hat sich gefüllt. Ein paar Bürger stehen im Gang.
Da rückt der Aufgepumpte der Blondine plötzlich auf die Pelle. Er legt ihr den
Arm um die Schultern und reibt sich mit anderen Hand im Schritt rum.
Sie holt mit dem Ellenbogen aus und knallt ihn ihm an den Kehlkopft.
Ich bin in zwei Schritten vorne. Der Typ röchelt. Die Blondine hat einen
Ellenbogen wie eine Bierdose.

Ich hacke die Handschellen von meinem Gürtel ab, fange seine rudernden Hände ein und klicke sie an den Haltestangen des Busses fest.

»Polizei«, sage ich und nennen dem Kerl Namen und Rang. »Ich muss Sie bitten, mich zur Feststellung Ihrer Personalien aufs Revier zu begleiten.«

»Aber warum, Alta?«, brabbelt der. »Ficke ich deine Familie, oda watt?«

Ich geh nach vorne zum Fahrer.

An der nächsten Haltestelle warten wir auf die Kollegen. Mir fällt sofort auf,
dass die ihre Uniform nicht komplett tragen. Keine Jacken an. Aber ein
schlechtes Gewissen deswegen. »Warum hast du denn bei der Hitze die
schwere Dienstjacke an?«, fragt mich gleich einer.

Der kneift so die Augen zusammen.

Ich dreh mich um und gehe.

»Hey!« Er packt mich am Arm. »Welches Revier, hast du gesagt?«

Ich mache mich los. »Hab ich den Wichser Dingfest gemacht oder ihr?«

»Zeig mal deinen Ausweis.« Er nimmt so eine Polizistenhaltung an.

Ich renne weg. Er flucht. Ich bin schnell. Von denen kriegt mich keiner.
Sind halt Beamte. Ich versteh auch nicht, was die wollen. Jeder sieht doch
gerne Superheldenfilme, und wenn es dann einer wirklich macht, dann is
Arschaufreißen.“
Das Foto anbei ist von mir und zeigt die Bushaltestelle in Tegel / U-Bahn.

– ENDE –

Ich wünsche entspanntes Lesen ~ Ihre Bettina Kerwien

Schrifstellerin Bettina Kerwien – www.bettinakerwien.de – Stöbern Sie auch mal in ihren spannenden Krimis,


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