K-s-K, Kerwien spannendes Kurzweiliges

Letzte Runde

»Wie heißen Sie?«, fragt die Notärztin.
Und wieder überlegt man einen Moment zu lang. Dann sagt man: »Johnny Arkona.« Wie es sich gehört. Man will auch ganz manierlich die Hand geben. Aber das Tape ist blutig.»Welcher Tag ist heute?«, will die Ärztin wissen.
Das Nachrechnen führt zu nichts. »Kampftag«, sagt man, weil man sich daran noch erinnert.
»Sie brauchen dringend eine Pause, Herr Arkona.«
Herr? Am Ring nennen sie einen einfach Dosentomate, Fallobst oder »Kap«. Aber eine Ärztin, das ist natürlich etwas ganz anderes. Ein Mann sollte in ihrer Gegenwart mehr anhaben als nur seine Trunks und seine Tattoos.
»Wie lange haben Sie schon Sehstörungen?«, fragt sie.
Das Licht der Taschenlampe schmerzt. Alles ist unscharf seit den Undercards in Oberhausen vor zwei Wochen. Aber man hat keine Lust auf Gequatsche, also sagt man: »Runde 8. Bin angezählt worden.«
Die Ärztin löst den Stopper an der Krankenliege. »Ich fahre Sie zum MRT«, sagt sie.
Wer eben einen Champ ausgeknockt hat, kann selber laufen. Aber beim Aufstehen rollt der Fußboden weg. Ein Griff ins Leere. Die Wände verschwimmen. Zwei Schritte zum Waschbecken, der Kohlrübeneintopf schießt aus Mund und Nase.
Die Ärztin drückt einen zurück auf die Liege.
„Sie haben ja ein riesen Totenkopf-Tattoo auf dem Rücken“, sagt sie.
„Ist eine lange Geschichte“, sagt man.
Sie schiebt los. Ihre Haare sind hell. Sie schaut wie eine Mutter. Bestimmt hört sie gerne Geigenmusik.
Die Liege ist zu schmal für die Schultern. Warum ist der Promoter noch nicht da? Ein Gedanke, der die Nase wieder bluten lässt. Der Promoter gibt dem Publikum, was es will: zwei halbnackte Kerle, die sich gegenseitig umbringen. Man selbst wollte dem Publikum auch mal was geben. Was, hat man vergessen.
Die Gänge sind lang und leer. Die Ärztin telefoniert im Gehen.
»Ich habe Sie in der Radiologie angemeldet, Herr Arkona«, sagt sie.
Das MRT ist eine Röhre mit einer Liege in der Mitte.
»Können Sie alleine auf das Gerät rübersteigen?«, fragt die Ärztin.
Man kann einen 90-Kilo-Brocken mit einem Schlag umhauen. Jetzt muss die Frau einen stützen.
Sie sticht einem etwas in den Arm, fixiert den Kopf. Man denkt an Laboraffen. Dann ist man allein.
»Wir spritzen Ihnen jetzt ein Kontrastmittel«, sagt eine Lautsprecherstimme, wie bei einer Hinrichtung.
Der Körper wird heiß.
Das Herz will schlagen.
Es hat zu wenig Platz.
»Einatmen«, befiehlt die Stimme. »Nicht atmen. Weiteratmen.«
Ein Mann ist nicht dafür gemacht, in einem Plastiksarg angeschnallt zu sein. Ein rechter Haken löst das Problem.
»Sie hätten das MRT nicht gleich völlig zerlegen müssen«, sagt die Ärztin. »Ich gebe Ihnen was zur Beruhigung. Wir nehmen Sie stationär auf. Der nächste Schlag an den Kopf bringt Sie um.«
»Schläge an den Kopf«, sagt man, »sind mein Geschäft.«
»Wir brauchen noch Ihre Krankenkarte«, sagt sie.
Das Krankenzimmer ist dunkel und warm. Der Promoter kommt nicht. Man zählt die Falten an der Gardine. Die Augen brennen vom Cutgel. In diesem Bett sind Menschen gestorben, denkt man.
Am Nebenbett hängt ein Bademantel. Auf dem Flur ist nur Nacht und Stille. Man trifft niemanden. Das ist gut. Es gibt Dinge, die sieht einem jeder am Gesicht an. Ob man es will oder nicht.
»Bist du nicht Kap?«, fragt der Taxifahrer. »Kap Arkona?«

 

Schrifstellerin Bettina Kerwien – www.bettinakerwien.de
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Foto: Schrifstellerin Bettina Kerwien


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