Für KB-Leseratten: „Sie nennt sich Sonnenschein“

„Sie nennt sich Sonnenschein“

Ich entdecke ihren Eintrag, kurz nachdem ich bei der BVG als Projektmanager Digitalisierung angefangen habe. Wir arbeiten an einem Datingportal, das sich „Meine Augenblicke“ nennt. Berlin ist Single-Hauptstadt. Doch wenn sich die Blicke zweier Fremder im Bus treffen, ist der schöne Moment oft nichts wert. Weil einer aussteigen muss. Obwohl sie füreinander bestimmt waren. Das ist der BVG zu negativ. Man muss den Leuten eine zweite Chance geben.Also texte ich: Ein schüchternes Lächeln am Fahrkartenschalter, ein Augenaufschlag an der Endstation – oft reicht ein einziger, magischer Moment, um die Liebe für’s Leben kennenzulernen. Nicht mutig genug gewesen? Finde die Person wieder, die dich verzaubert hat!Darunter kann man sein Erlebnis schildern. Also einen Wunsch ans Universum schicken. Wir Deutschen suchen ja gerne mal was Aussichtsloses – das Bernstein-
zimmer zum Beispiel.

Am Valentinstag wird das Portal freigeschaltet. Die Medien stürzen sich sofort darauf. Die Leute posten wie verrückt. Die Pressestelle ruft an und will wissen, ob ich schon eine tolle Kennenlernstory für sie habe.

Ich schaue aus dem Fenster. Es ist Februar. Der Schnee fällt mir gerade direkt ins Herz, als ein neuer Eintrag aufploppt. Verfasst von „Sonnenschein“.
Hallo, hübscher Fremder, lese ich. Ich bin heute um 6.40 Uhr mit dem 9er X-Bus vom Jakob-Kaiser-Platz gefahren, du kamst aus der U-Bahn gerannt und bist im letzten Moment reingesprungen. Du hast dich mir gegenüber hingesetzt, hinten bei den 4er-Sitzen. Schöne Hände, dachte ich. Dann schauten wir uns wie gebannt in die Augen. Du hast tolle blaue Augen. Als du ausstiegst, sagtest du: >Ich wünsche dir einen schönen Tag. < Unsere Begegnung geht mir nicht aus dem Kopf. Ich (blonde, lockige Haare, Jeans, Parker, Sommersprossen) hoffe so sehr, dass du dich meldest!

Die Wahrheit ist, dass die Leute sich in den Öffis zu Tode langweilen. Sie schauen umher, sie sind bereit, sich da in was hineinzusteigern. Verständlich. Ich richte mir einen Augenblicke-Alarm für Sonnenschein ein.

Am nächsten Tag schreibt sie: Ich hatte Glück, du warst heute wieder da! Leider hast du die ganze Zeit telefoniert. Ich habe mich nicht getraut, dich anzusprechen. Kurz hast du mich angesehen und gelächelt. – Morgen vielleicht? – Ja, morgen, ganz sicher.

In Berlin fahren jährlich 1,5 Milliarden Leute mit den Öffentlichen. Zwischen Gleisdreieck und Nollendorfplatz sind sie noch schockverliebt. Aber schon am Ku’Damm haben sie ihren Traumtypen wieder vergessen.

Doch Sonnenschein bleibt dran. Ich habe dich heute wieder gesehen, schreibt sie am nächsten Tag. Es war sehr voll. Du standest vorne, ich konnte mich nicht zu dir vorkämpfen.

Und am Tag darauf: Leider warst du heute nicht da. Ich hatte einen Zettel mit meiner Telefonnummer griffbereit.

Das geht so über ein paar Wochen. Vielleicht hat der Mann mit den schönen Händen sich ein Auto gekauft. Ich vermisse dich, schreibt Sonnenschein.
Irgendwann schreibt sie nicht mehr.

Irgendwann fahre ich X-Bus. Sie sitzt hinten auf dem Vierer. Ich erkenne sie sofort an ihren Locken.
„Sonnenschein?“, frage ich und setze mich gegenüber.
Sie nickt verwundert.
„Meine Augen sind auch blau“, sage ich. Sie lächelt.

© Bettina Kerwien
Die Schriftstellerin finden Sie auf: www.bettinakerwien.de.

Hinweis:
Spannend auch Ihre Reinickendorfer Krimis!

Freuen Sie sich schon auf die nächste Geschichte! – FebruarKiEZBLATT lesen!


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