Das neue Normal


Die Sommerferien sind da. Zeit, innezuhalten, Luft zu holen.

Für Lehrkräfte und ihre Schülerinnen und Schüler, ihre Eltern. Außergewöhnliche Zeiten liegen hinter ihnen allen. Über das Virus und seine Auswirkungen auf Bildungseinrichtungen ist häufig berichtet worden. Aber wie sah es eigentlich in den vergangenen Wochen in den Einrichtungen aus, als der Unterricht wieder anlief? Wie gut bewältigten sie das Chaos, das da von außen über sie hereingebrochen ist?

Der Campus Hannah Höch im Märkischen Viertel gibt einen Einblick, wie sich das neue Normal in Coronazeiten anfühlte und aussah.

Am 27. April begann die schrittweise Rückkehr in die Schulen. Eine Jahrgangsstufe nach der anderen saß wieder im Klassenzimmer. Aber völlig anders als zuvor. Jede Schule hat die Wiederaufnahme des Unterrichts anders geregelt.

Im Normalbetrieb wird am Campus jahrgangsübergreifend gelernt, das heißt, es sitzen immer drei Jahrgänge in einer Gruppe. Diese Jahrgangsmischung wurde nach Corona vorübergehend aufgelöst, kleinere, jahrgangshomogene Gruppen wurden eingerichtet.
Wo vorher also etwa 24 Schülerinnen und Schüler aus beispielsweise den Jahrgangsstufen sieben, acht und neun gemeinsam in einer Klasse büffelten, saßen nun nur 10 bis 15 Jugendliche eines Alters in einem Klassenraum, mit Abstand zwischen sich statt an Gruppentischen.
Damit alle Kinder und Jugendlichen wenigstens zeitweise unterrichtet werden konnten, wurde im Schicht- und Wochensystem gearbeitet: in der einen Woche nur ein Teil der Jahrgänge, in der nächsten Woche der andere, nochmals unterteilt in Gruppe A am Vormittag, Gruppe B am Nachmittag.

Das erforderte eine riesige Menge Planung, Flexibilität und Nerven von allen Beteiligten. Besonders, wenn sich wie in Coronazeiten alles ständig und schnell verändert. Eine Regelung war gerade im Stundenplan umgesetzt, dann war sie schon wieder überholt und von einer neuen Vorgabe ersetzt.

Bevor der Unterricht aber tatsächlich losgehen konnte, mussten sich die Schülerinnen und Schüler an verschiedenen Eingängen aufstellen, einzeln eintreten, die Hände waschen und Platz nehmen, dann kam der oder die Nächste.
Nach drei Stunden Unterricht verließen sie auch wieder einzeln die Schule. Noch weit entfernt von dem, was noch vor wenigen Wochen selbstverständlicher Schulalltag war.

Aber immerhin – Leana (13 Jahre) und Anouk (14 Jahre) sind froh, dass die Schule überhaupt wieder begonnen hat. „Die Zeit zuhause war langweilig!“ sagt Leana aus tiefstem Herzen. Sie hat das Beste daraus gemacht, sie ist Fahrrad und Skateboard gefahren, hat Serien geschaut und mit ihren Eltern gespielt. Aber Treffen mit Freundinnen und Freunden fehlten ihr sehr. Anouk hat mit ihrer Familie im Garten gearbeitet und viel gelesen. Aber auch sie freut sich, wenigstens einen Teil ihres Freundeskreises in der Schule wieder zu sehen. Und auch die Lehrkräfte – denn beiden Mädchen fiel das Lernen alleine zuhause schwer. Hilfe von ihren Eltern hatten sie nur bedingt; Leanas Mutter stammt nicht aus Deutschland und geriet an ihre sprachlichen Grenzen, Anouks Eltern waren im Homeoffice eingespannt.
Mit Neustart der Schule hatten die Mädchen wenigstens jede zweite Woche Unterricht und haben dort auch die Aufgaben für die Woche am heimischen Schreibtisch vorbesprochen. „Es ist trotzdem noch schwer, allein zu lernen. Zuhause habe ich dann oft schon vergessen, wie die einzelnen Aufgaben funktionieren“, sagt Leana.
Die Zeit in der Schule haben sie dafür besonders genossen: „Die kleineren Gruppen sind super“, sagt Anouk. „Es ist leiser, Alle arbeiten viel konzentrierter und wir schaffen mehr in einer Stunde.“ Diese Gruppengröße würden sie gern mit in das neue Schuljahr nehmen.

Was nach den Sommerferien passiert, das weiß noch niemand so genau. Stand der Dinge ist, dass die Berliner Schulen wieder im Normalbetrieb starten. Doch das kann sich jederzeit ändern.
Am Campus bereitet sich das Kollegium jedenfalls auf die verschiedensten Szenarien vor. Es wurde ausgewertet, was im „Lernen zu Hause“ bereits gut funktioniert hat und was verbessert werden muss, wie ein Stundenplan im eingeschränkten Betrieb optimiert werden kann, so dass auch andere als nur die Hauptfächer unterrichtet werden oder wie die Hygienevorschriften in beengten Räumlichkeiten und nur eingeschränkt vorhandenen Desinfektionsmitteln eingehalten werden können. Schulleiterin Viola Ristow ist gespannt: „Wir geben in jedem Fall gemeinsam unser Bestes!“

Bild: Leana (links) und Anouk müssen in der Schule Abstand halten. Nun wollen sie ihre Sommerferien genießen – ohne Schulaufgaben und mit mehr Kontakt zu ihren Freundinnen und Freunden.
Bild höch

PMM


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